Tja, jetzt bin ich fast 2 Jahre hier. Ich habe noch immer kein einziges PSL (Premier Soccer League, Südafrika's erste Liga) Spiel live gesehen, weder im Fernsehen, geschweige denn im Stadion. An sich kann das nicht sein, zumal wir ja hier in Johannesburg auch in einem Gebiet wohnen, dass in Sachen Fußball auch was zu bieten hat. Hinzu kommt, dass, mal von den Vuvuzelas abgesehen, die mir, bis auf ganz wenige Ausnahmen wenn sie wie rhythmisches Klatschen durch die Stadien hallten, ziemlich störend vorkamen, die Atmosphäre, die die Südafrikaner während der WM in ihre neuen Fußballtempel zauberten, wirklich toll war. Grund genug, mal hinzugehen. Die Frage ist aber, welcher Club? Wenn wir in Bloemfontein leben würden – ja, dieses Bloemfontein, welches im Bewusstsein des deutschen Fussballs für immer mit dem 4:1 Sieg gegen England verbunden sein wird – dann müsste ich nicht lange überlegen. Dann würde ich zu den Bloemfontein Celtics gehen, die nicht nur die gleichen Trikots wie die Mannschaft aus Glasgow tragen, sondern deren Fans auch ähnlich enthusiastisch mit ihrem Verein umgehen, wie die katholischen Schotten. Aber hier in Gauteng? Bislang hat mich noch kein Club gefunden.
Die beiden Mannschaften aus dem Umland von Pretoria, Supersport United und Mamelodi Sundowns kommen zum einen wegen der Entfernung nicht in Frage. Zum anderen gibt es da auch keinen Zündungsfunken, der mein Fußballherz in Gang setzen könnte. Supersport war vor ein paar Jahren noch ein völlig erfolglos vor sich hindümpelnder Club namens Pretoria City. Dann ist 1994 der private Fernsehsender M-Net dort eingestiegen. Supersport war die letzten drei Saisons jeweils südafrikanischer Meister. Allerdings war ich letztes Jahr beim finalen Saisonspiel, dass in Stellenbosch zwischen Supersport und Santos FC ausgetragen wurde. Supersport wurde zu diesem Anlass, als es noch um alles ging, von etwa 100 Fans begleitet. Das kleine Stadion in Stellenbosch war noch nicht einmal annähend ausverkauft. Also, selbst wenn Supersport vielleicht die beste Mannschaft hat, und zum Beispiel mit Morgan Gould und Bongani Khumalo auch das Innenverteigerpärchen aufbieten kann, dass bei Bafana Bafana spielen sollte, kann ich mich damit nicht identifizieren. Das klingt mir alles ein bisschen zu sehr nach Hoffenheim. Mamelodi Sundowns, aus dem Township Mamelodi, auch die Brazilians genannt (wegen der Farben und angeblich wegen des Spielstils), kommen schon alleine deshalb nicht in Frage, weil der Eigentümer, Patrick Motsepe, nach guter alter Abrahmovich-Manier alles kauft, was nicht schnell genug weglaufen kann. Selbst eine schillernde Figur wie Hristo Stoichkov, der dort letzte Saison Trainer war, könnte mich dort nicht hinziehen.
So ein bisschen Verbindung ließe sich möglicherweise zu den Moroka Swallows herstellen. Bei den „Birds“ ist Rainer Zobel Trainer, und außerdem spielt dort in der Abwehr Thomas Cichon – letzteres spricht allerdings eher gegen den Club. Nicht so sehr wegen dieser behaupteten Manipulationsgeschichten, in die der gute Mann verstrickt sein soll, sondern weil ich den weder in Köln, noch in Duisburg oder Osnabrück gut fand. Gut, er hat mal mit gebrochenem Fuß weitergespielt, allerdings hat sich das auf seine Qualitäten ohnehin nicht negativ ausgewirkt. Außerdem kommen die aus Germiston; das ist auch zu weit weg von hier. Lokal am nächsten ist Bidvest Wits, ehemals Wits United. Ich könnte zu den Heimspielen mit dem Fahrrad fahren, da die auf dem Campus der Wits University spielen. Der Club ist auch aus der Unimannschaft hervorgegangen, und angeblich der zahlenmäßig größte Fußballverein der Welt. Dort ist Fußball wirklich Breitensport. Aber hört sich Bidvest Wits nicht ein bisschen so an wie Bayer Leverkusen, oder eher wie Bayer Dormagen? Bidvest ist der Sponsor, eine Bank. Irgendwie komme ich damit nicht klar. Eigentlich wäre es zumindest kein Problem, dass das ein kleiner Club ist. Allerdings ist bei den Heimspielen auch nicht wirklich was los. Das ist dann wie Landesliga gucken in Deutschland: ansprechend, interessant, und völlig in Ordnung für den ein oder anderen Sonntagnachmittag. Aber samstags? Samstags will ich beim Fussball ein bisschen mehr Ramba-Zamba. Ach, wahrscheinlich werde ich mir das Bidvest Stadium mal samstags ansehen – am ersten Spieltag kommt der amtierende Meister Supersport United vorbei. Aber so richtig warm werde ich wohl damit nicht. Das sehe ich schon kommen.
Bleiben die beiden Giganten des südafrikanischen Fußballs – zumindest was Geschichte und Fanbasis angeht: die erbitterten Rivalen Orlando Pirates, die Buccaneers, und Kaizer Chiefs, die Amakhozi. Beide in Soweto gegründet, beide mit einer beeindruckenden Geschichte – zumindest in Relation zur Geschichte des südafrikanischen Fußballs. Allerdings beide auch mit echt nicht zu verachtenden Macken. Beide werden von echten Alleinherrschern geführt, Irvin Khoza bei Pirates, Kaizer Motaung bei den Chiefs. Naja, das alleine würde wahrscheinlich noch nicht so entscheidend sein. Für die Pirates spricht, dass sie bereits seit 1937 existieren und das coolste Logo der Liga haben, ein Totenschädel mit Piratentuch und Augenklappe. Die Farben schwarz-weiss kommen denen der Borussia auch am nächsten. Ausserdem sind sie nach wie vor in Orlando, Soweto, beheimatet. Die Heimspiele finden im Orlando Stadium statt – und die Schüssel ist wirklich schön. Allerdings ist der Star der Pirates Theko Modise, und der geht mir schon in der Nationalmannschaft in schöner Regelmäßigkeit auf die Nerven. Das spricht eindeutig gegen die Pirates. Blieben also die Chiefs. An sich gebe ich gerne zu, dass mir der Name Kaizer Chiefs schon gefällt. Mit Khune, Tshabalala und Mphela spielen auch ein paar gute Nationalspieler da. Auf der anderen Seite ziehen die demnächst nach Krügersdorp um – 40 km entfernt. Das Totschlagsargument gegen die Kaizer Chiefs könnten allerdings die Farben sein: gelb-schwarz. Da liegt mir doch jedesmal wieder neu auf der Zunge: “Alealealealehey BVB H....söhne“. Ob ich mich daran gewöhnen könnte?
Naja, mein Club wird mich schon finden – oder eben auch nicht. Zwar verfolgt man eine Liga schon intensiver, wenn das Herz irgendwie dranhängt, allerdings hat man auch weniger Stress, und kann sich seine Spiele etwas freier aussuchen. Es besteht ja durchaus auch die Möglichkeit, dass ich mir das ganze mal ein paarmal ansehe, und dann nicht mehr hingehe... Was die Qualität des Fußballs angeht habe ich jedenfalls keine allzu hohen Erwartungen.


