Sunday, August 15, 2010

Wie sucht man sich in Südafrika eine Fußballmannschaft aus?


Tja, jetzt bin ich fast 2 Jahre hier. Ich habe noch immer kein einziges PSL (Premier Soccer League, Südafrika's erste Liga) Spiel live gesehen, weder im Fernsehen, geschweige denn im Stadion. An sich kann das nicht sein, zumal wir ja hier in Johannesburg auch in einem Gebiet wohnen, dass in Sachen Fußball auch was zu bieten hat. Hinzu kommt, dass, mal von den Vuvuzelas abgesehen, die mir, bis auf ganz wenige Ausnahmen wenn sie wie rhythmisches Klatschen durch die Stadien hallten, ziemlich störend vorkamen, die Atmosphäre, die die Südafrikaner während der WM in ihre neuen Fußballtempel zauberten, wirklich toll war. Grund genug, mal hinzugehen. Die Frage ist aber, welcher Club? Wenn wir in Bloemfontein leben würden – ja, dieses Bloemfontein, welches im Bewusstsein des deutschen Fussballs für immer mit dem 4:1 Sieg gegen England verbunden sein wird – dann müsste ich nicht lange überlegen. Dann würde ich zu den Bloemfontein Celtics gehen, die nicht nur die gleichen Trikots wie die Mannschaft aus Glasgow tragen, sondern deren Fans auch ähnlich enthusiastisch mit ihrem Verein umgehen, wie die katholischen Schotten. Aber hier in Gauteng? Bislang hat mich noch kein Club gefunden.

Die beiden Mannschaften aus dem Umland von Pretoria, Supersport United und Mamelodi Sundowns kommen zum einen wegen der Entfernung nicht in Frage. Zum anderen gibt es da auch keinen Zündungsfunken, der mein Fußballherz in Gang setzen könnte. Supersport war vor ein paar Jahren noch ein völlig erfolglos vor sich hindümpelnder Club namens Pretoria City. Dann ist 1994 der private Fernsehsender M-Net dort eingestiegen. Supersport war die letzten drei Saisons jeweils südafrikanischer Meister. Allerdings war ich letztes Jahr beim finalen Saisonspiel, dass in Stellenbosch zwischen Supersport und Santos FC ausgetragen wurde. Supersport wurde zu diesem Anlass, als es noch um alles ging, von etwa 100 Fans begleitet. Das kleine Stadion in Stellenbosch war noch nicht einmal annähend ausverkauft. Also, selbst wenn Supersport vielleicht die beste Mannschaft hat, und zum Beispiel mit Morgan Gould und Bongani Khumalo auch das Innenverteigerpärchen aufbieten kann, dass bei Bafana Bafana spielen sollte, kann ich mich damit nicht identifizieren. Das klingt mir alles ein bisschen zu sehr nach Hoffenheim. Mamelodi Sundowns, aus dem Township Mamelodi, auch die Brazilians genannt (wegen der Farben und angeblich wegen des Spielstils), kommen schon alleine deshalb nicht in Frage, weil der Eigentümer, Patrick Motsepe, nach guter alter Abrahmovich-Manier alles kauft, was nicht schnell genug weglaufen kann. Selbst eine schillernde Figur wie Hristo Stoichkov, der dort letzte Saison Trainer war, könnte mich dort nicht hinziehen.

So ein bisschen Verbindung ließe sich möglicherweise zu den Moroka Swallows herstellen. Bei den „Birds“ ist Rainer Zobel Trainer, und außerdem spielt dort in der Abwehr Thomas Cichon – letzteres spricht allerdings eher gegen den Club. Nicht so sehr wegen dieser behaupteten Manipulationsgeschichten, in die der gute Mann verstrickt sein soll, sondern weil ich den weder in Köln, noch in Duisburg oder Osnabrück gut fand. Gut, er hat mal mit gebrochenem Fuß weitergespielt, allerdings hat sich das auf seine Qualitäten ohnehin nicht negativ ausgewirkt. Außerdem kommen die aus Germiston; das ist auch zu weit weg von hier. Lokal am nächsten ist Bidvest Wits, ehemals Wits United. Ich könnte zu den Heimspielen mit dem Fahrrad fahren, da die auf dem Campus der Wits University spielen. Der Club ist auch aus der Unimannschaft hervorgegangen, und angeblich der zahlenmäßig größte Fußballverein der Welt. Dort ist Fußball wirklich Breitensport. Aber hört sich Bidvest Wits nicht ein bisschen so an wie Bayer Leverkusen, oder eher wie Bayer Dormagen? Bidvest ist der Sponsor, eine Bank. Irgendwie komme ich damit nicht klar. Eigentlich wäre es zumindest kein Problem, dass das ein kleiner Club ist. Allerdings ist bei den Heimspielen auch nicht wirklich was los. Das ist dann wie Landesliga gucken in Deutschland: ansprechend, interessant, und völlig in Ordnung für den ein oder anderen Sonntagnachmittag. Aber samstags? Samstags will ich beim Fussball ein bisschen mehr Ramba-Zamba. Ach, wahrscheinlich werde ich mir das Bidvest Stadium mal samstags ansehen – am ersten Spieltag kommt der amtierende Meister Supersport United vorbei. Aber so richtig warm werde ich wohl damit nicht. Das sehe ich schon kommen.

Bleiben die beiden Giganten des südafrikanischen Fußballs – zumindest was Geschichte und Fanbasis angeht: die erbitterten Rivalen Orlando Pirates, die Buccaneers, und Kaizer Chiefs, die Amakhozi. Beide in Soweto gegründet, beide mit einer beeindruckenden Geschichte – zumindest in Relation zur Geschichte des südafrikanischen Fußballs. Allerdings beide auch mit echt nicht zu verachtenden Macken. Beide werden von echten Alleinherrschern geführt, Irvin Khoza bei Pirates, Kaizer Motaung bei den Chiefs. Naja, das alleine würde wahrscheinlich noch nicht so entscheidend sein. Für die Pirates spricht, dass sie bereits seit 1937 existieren und das coolste Logo der Liga haben, ein Totenschädel mit Piratentuch und Augenklappe. Die Farben schwarz-weiss kommen denen der Borussia auch am nächsten. Ausserdem sind sie nach wie vor in Orlando, Soweto, beheimatet. Die Heimspiele finden im Orlando Stadium statt – und die Schüssel ist wirklich schön. Allerdings ist der Star der Pirates Theko Modise, und der geht mir schon in der Nationalmannschaft in schöner Regelmäßigkeit auf die Nerven. Das spricht eindeutig gegen die Pirates. Blieben also die Chiefs. An sich gebe ich gerne zu, dass mir der Name Kaizer Chiefs schon gefällt. Mit Khune, Tshabalala und Mphela spielen auch ein paar gute Nationalspieler da. Auf der anderen Seite ziehen die demnächst nach Krügersdorp um – 40 km entfernt. Das Totschlagsargument gegen die Kaizer Chiefs könnten allerdings die Farben sein: gelb-schwarz. Da liegt mir doch jedesmal wieder neu auf der Zunge: “Alealealealehey BVB H....söhne“. Ob ich mich daran gewöhnen könnte?

Naja, mein Club wird mich schon finden – oder eben auch nicht. Zwar verfolgt man eine Liga schon intensiver, wenn das Herz irgendwie dranhängt, allerdings hat man auch weniger Stress, und kann sich seine Spiele etwas freier aussuchen. Es besteht ja durchaus auch die Möglichkeit, dass ich mir das ganze mal ein paarmal ansehe, und dann nicht mehr hingehe... Was die Qualität des Fußballs angeht habe ich jedenfalls keine allzu hohen Erwartungen.

Sunday, July 18, 2010

Are there lessons for England from Germany's successful 2010 World Cup Campaign?


Are there lessons for England from Germany's successful 2010 World Cup Campaign?


England had one in 2010, but Germany had two Bloemfonteins in its rather recent football history: The first one was Lyon during the 1998 World Cup. Germany lost 3:0 to Croatia, and left France almost as disgraceful as France left South Africa in 2010. Berti Vogts, then manager of Germany, refused to shake hands with his Croatian counterpart Blazevic. He smelled a conspiracy of FIFA due to Germany’s prior successes, accusing the referee to intentionally destroy the German game. However, reality looked somewhat different, albeit less intriguing. From the beginning of the World Cup, all the problems, which had piled up since the last German win of the World Cup in 1990, were obvious. Germany's over-aged team was slow in their head and in their feet. It had played horrible football during the group stages and was extremely lucky to survive the 2nd round encounter with Mexico. Before travelling to France, Vogts had persuaded a few of the old World-cup winning team of 1990 to come back, because a few of the more influential European Champions of 1996, like Mathias Sammer, were injured. 37-year old libero Matthäus played behind another relict from better days, stopper Jürgen Kohler. Olaf Thon and Thomas Häßler tried to ignite a spark in a very uninspired midfield. Vogts left the most exciting player of the Bundesliga at the time, Mehmet Scholl from Bayern Munich, at home, and wasted a spot on the squad with Steffen Freund, who was neither good enough in the first place, nor fit to play. The 2:0 win over Iran in the first round was a historical one in only one perspective: never before, and never again did Germany field a team with an average age as old as 31.7 years. The squad did not deserve to be called a team, because the two alpha-males in the group, Lothar Matthäus and Jürgen Klinsmann, bitter enemies for years prior to the tournament, functioned as two big wedges. The devastating defeat against Croatia came as no surprise and was well deserved. One could argue whether the red card against defender Christian Wörns was justified – Croatia’s Davor Suker was known for his theatrical diving, but one should rather focus on the really awful cross by the museum artefact Matthäus, which brought Wörns into the one-on-one with Suker in the first place. Afterwards, Berti Vogts resigned – partly because he himself felt it was time to go, partly because his standing in the association, as well as with the public was too tenuous to hold on to his post.

Some people thought that the World Cup in France was about as bad as it could get. But, it got worse: the second Bloemfontein was Rotterdam during the EURO 2000. Gentleman Erich Ribbeck had taken over from Berti Vogts, and Germany would not have qualified for the finals for the first time since decades, had it not been for Turkey’s inability to make use of Germany’s shortcomings in the qualifiers. After a very lucky, and uninspired 1:1 against Romania, as well as a 0:1 defeat against England, Germany still had a chance to proceed to the 2nd round, because England had lost against Romania. However, sometimes, the Gods of football are just: Then Assistant coach Horst Hrubesch, a hard man called the “header monster” during his playing days, had tears in his eyes, when Germany went out of the tournament in the last group game. The team around the still present, almost 40-year old Lothar Matthäus, still playing the tactically medieval “Libero”, had no chance whatsoever in their 3:0 defeat against Portugal; a Portugal that fielded its whole bench, because they were qualified for the 2nd round already prior to the match. Only goalkeeper Oliver Kahn, as well as upcoming youngster Sebastian Deisler, had moments during the tournament that gave German football a little bit of hope. After the German yellow press got wind of the party the team celebrated after being eliminated from the tournament, the players got more stick when they arrived home than any other German team ever before or after.

Finally, the rather slow German Football Association (DFB) woke up and moved. The youth development and talent sighting system was completely overhauled. The DFB took considerable amounts of money into its hand and employed 29 new youth coordinators, as well as 1,000 new coaches to establish regional achievement clusters throughout the country. As a second step, the clubs of the Bundesliga were forced to establish performance centers. Yet, success was not directly around the corner. Former national hero Rudi Völler took over as interim coach. Although Germany went straight through to the final in the 2002 World Cup in South Korea and Japan, this could not be traced to the new established youth development systems, but rather on the strong character of the team around the truly remarkable goalie Oliver Kahn, and old war horses like Didi Hamann whose maxim was but one thing: discipline. EURO 2004 held the next dip in stock for football Germany. Although not quite as bad as four years before, Germany again did not make it past the group stages – they deservedly lost to an already qualified Czech Republic in the last group game. Völler had enough, and he was replaced by his 1990 striking partner Jürgen Klinsmann, who brought with him new ideas and a fresh breeze, maybe imported from his place of residence, Huntington Beach in California. In 2006, Germany somewhat surprisingly, made it to the semi-finals, and the style of play was already different than ever before. Most people would agree that Germany played the most refreshing football of all the teams already in 2006. They lost the final to a superior, and very precise and clever Italian squad, but the home World Cup was certainly a turnaround. After just two years at the rudder, Klinsmann resigned, and his assistant, Joachim Löw took over. Joachim Löw was a good second league, but a rather mediocre Bundesliga-player. His coaching record before taking the Germany job in 2004 (as assistant), and in 2006 as the head-coach did not look much better. However, he had established a clear idea of how he wanted his team to play. And, although from a football connoisseur’s point of view the football played was a step backwards, Löw led his team into the EURO 2008 final. The highlight of the tournament, maybe not only from a German perspective, was Germany’s win against Portugal in the second round; a game that left frustrated Christiano Ronaldo with tears in his eyes. In this game, Rolfes and Hitzelsberger took over for the injured Frings and the suspended Ballack – somewhat a rough draft for the future. After this tournament, Löw resolutely put new, young players into the hot seat, partly because he had to. He needed to replace goalie Robert Enke after his suicide. Mostly, however, he wanted the old guys with their slow approach to the game out. Thus, he profited from the new youth development system.

Current squad members like Kießling, Gomez, Aogo and Kroos were discovered in the aforementioned DFB regional clusters. Müller (Bayern Munich), Boateng (Hertha BSC Berlin, then Hamburger SV and soon Manchester City), Özil (Schalke 04, now Werder Bremen), and Khedira originate from the performance centres established at the respective Bundesliga-clubs. Recently, there were again tears in Horst Hrubesch's eyes, when the German Under 19 and Under 21 (with Neuer, Özil, Aogo, Boateng, Khedira and Marin from the current World Cup squad), both coached by him, became European Champions. The German Under 17 currently also holds the European title. Thus, it seems fair to say that the German team, which impressed with its fast-paced style of attacking football in South Africa, was conceived in Lyon 1998, and born in Rotterdam in 2000. However, if one tries to assess the German success in 2010, one has to also take into consideration, that quite some luck was involved on a few levels, in a few areas. Löw’s decision to omit long-serving midfield strongman Thorsten Frings from the squad was met with as much headwind, as his decision to not recall on-form striker Kuranyi after he fell out with him in 2008. Instead, he put his faith in Lukas Podolski and Miroslav Klose, both of which had horrible seasons with their respective clubs, FC Cologne and Bayern Munich. Luckily, both players exploded – certainly Klose, and also Podolski to an extend – and they were very instrumental in getting Germany on track in South Africa, but it was a big risk the coach took. Lahm, Schweinsteiger, Müller, and Badstuber were not only in the German squad for South Africa 2010, but were also very instrumental for Bayern Munich to reach the Champions League final against Inter Milan. However, Dutch coach van Gaal was needed to resolutely bank on those young players – as Joachim Löw did for the national team. Moreover, Michael Ballack’s injury in the FA Cup final, which seemed to be an incredible curse at the time, transformed into a blessing. Although there are a few voices within the team (mainly Bastian Schweinsteiger) who consider the German team stronger without Ballack, most will regard the skipper (or former skipper, who knows at this point) as deadweight now. Finally, who knows what would have happened if Lampard’s equalizer would have counted…

However, fact is that the young German team, the youngest Germany has sent to a tournament since 1934 (!) impressed the world with its forward going, fast-paced style of football in South Africa. It is no exaggeration to assign a large part of the success to coach Joachim Löw for having the stamina to withstand the pressure of the press and of many “experts” in German football, to choose his squad according to his own principles and ideas. His players had to be young, hungry, quick, and willing to follow one big game plan. Contrary to former tournaments and set-ups of German national teams with strong alpha-male leaders (like Matthäus, Sammer or Ballack), the 2010-generation has a very flat hierarchy, and all the players seem to be able to bring their unique talents into the squad. There are even more fruits to harvest from the overhaul of the youth development system, more exciting young players in the German squad, like Marco Marin of Werder Bremen, and especially Toni Kroos, now back at Bayern Munich. Add to that the large number of youngsters waiting to make their debut in the national team, Mats Hummels of Borussia Dortmund, Benedict Höwedes of Schalke 04, and Marco Reus of Borussia Mönchengladbach, to name a few, and one can understand the enthusiasm the Germans look towards the EURO 2012 and the World Cup 2014. German clubs have finally realized that it does pay to field young players from their own academies, and they no longer rely so heavily on B-rated foreigners who stay on for a year, and then ship to another club.

And, if Germany can do it, why should England not be able to. It does not appear to be an impossible task to implement similar youth development and talent sighting measures in England. The English are as soccer-mad as the Germans, possibly madder. The Premier League is the most economically successful football league in the world. Therefore, there must be enough money to establish the aforementioned measures. If not, why not cut back on remuneration for one underperforming coach of former glory to entrust a more down-to-earth local, who actually knows English football, with the task to build a team for the future. Fabio Capello receives a whopping 6 million pounds a year! How many regional clusters could be established with just one third of that? Certainly, the large amounts of debts of nearly all English Premier League clubs might force the responsible persons on club-level to focus on youth development anyways, though. Youth development, which goes beyond the sighting of special talent at other, foreign youth academies. It does not seem that far off the mark to assume that English clubs will bring out English youngsters, and not only talented foreigners like Fabregas (Arsenal) or Obertan (United). Thus, there is some hope that youngsters like Joe Hart or Theo Walcott, and others, will join James Millner (the only member of the European Under 21 runner-up in the starting line-up at the World Cup 2010) in the future.

An abbreviated and edited version was published at www.wsc.co.uk/content/view/5580/38

Monday, July 12, 2010

Leichte Abkühlung vor dem großen Finale


Der Enthusiasmus und die Begeisterung für Fußball im allgemeinen, und für die WM 2010 im speziellen hat in den letzten Tagen hier in Südafrika doch merklich nachgelassen. Das gilt natürlich nicht für die vielen Holländer oder die wenigen Spanier, die entweder bereits im Norden von Südafrika sind, oder sich in den nächsten drei Tagen noch einfinden werden, um ihr jeweiliges Team am Sonntag im Finale von Soccer City bis zum Weltmeistertitel zu begleiten. Es ist dabei keinesfalls so, dass die Südafrikaner der Fußball jetzt auf einmal kalt lässt. Aber nach 4 Wochen Dauergekicke, nebst allem Drum und Dran was die Fußball-WM sonst noch so gebracht hat, ist ein gewisser Sättigungsgrad erreicht. Es wird einfach nicht mehr ganz so viel über Fußball geredet. Natürlich liegt das auch daran, dass zum einen die eigene Mannschaft ausgeschieden ist, zum anderen, dass mit Ghana auch der letzte Vertreter des afrikanischen Kontinents bereits nach dem Viertelfinale die Heimreise antreten musste. Mit einer gewissen afrikanischen Solidarität wurden bereits während des Turniers auch die anderen afrikanischen Mannschaften unterstützt. Nach Ghanas Niederlage gegen Uruguay, die nur durch das Handspiel des uruguayischen Mittelstürmers Suarez ermöglicht wurde, gingen viele dann zur Tagesordnung über.

Es gibt allerdings auch noch andere Gründe, die für die Südafrikaner ein Ende der WM wünschenswert erscheinen lassen. Thea, eine 55jährige Bürokauffrau aus Pretoria freut sich bereits jetzt auf den kommenden Nach-WM-Montag, weil sie dann endlich bei Behörden, aber auch bei Privatfirmen wieder normalen Service bekommt, wenn sie dort anruft: „Die letzten Wochen habe ich soviel Musik auf diversen Anrufbeantwortern gehört, wie zuvor in 25 Jahren nicht. Während der WM war kein Büro normal besetzt.“ Aber das Finale will sie in jedem Falle sehen – und sie hofft, dass Holland gewinnt: „Meine Vorfahren sind irgendwann vor ein paar hundert Jahren aus Holland eingewandert.“

Bongile, der an einer Shell- Tankstelle im Johannesburger Stadtteil Melville arbeitet, sagt, dass er die WM sehr genossen hat: „Aber 4 Wochen sind eine sehr lange Zeit. Jeden Tag Fußball. Meine Freundin hat sich mehrfach beschwert!“ Dieses Schicksal dürfte er mit anderen Fußballfans auf dem gesamten Globus teilen, egal ob männlich oder weiblich. Die Nachfrage, ob er denn froh sei, dass die Spanier gegen Deutschland gewonnen haben, und jetzt nochmals nach Johannesburg zum Finale gegen Holland anreisen verneint er vehement. Seine gelb-rote Kleidung sei rein beruflich bedingt. Das seien eigentlich ja die Farben seines Arbeitgebers Shell, und nur zufällig auch die spanischen Nationalfarben. Er hatte sich für das Halbfinale eigentlich die Deutschen als Sieger gewünscht, denn: „Die Deutschen geben eindeutig mehr mehr Trinkgeld als die Spanier!“ Dabei muss man allerdings fairerweise anmerken, dass auch deutlich mehr Deutsche das Turnier besucht haben, als Spanier.

Auch der Straßenhändler Sibu, der seit fast zwei Monaten Fahnen, Autospiegelüberzüge, Schals und sonstige Fanartikel der verschiedenen Teilnehmerländer im gehobenen Viertel Parkhurst verkauft, merkt, dass die Begeisterung der Menschen nachlässt. „Am Anfang gingen besonders südafrikanische und brasilianische Farben weg. Später haben die Leute dann auf Ghana umgeschwenkt. Portugal, England und Deutschland waren auch beliebt. In den letzten zwei Tagen habe ich fast nur noch holländische Fahnen und Schals verkauft – allerdings sehr wenig insgesamt.“ Er kommt eigentlich aus dem Township Alexandra. Dort ist Fußball nach wie vor Thema – wie eigentlich auch wenn keine WM ist. Dort freut man sich auf das Finale: „Meine Kumpels und ich, wir wollen, dass Spanien gewinnt. Die spielen ein bisschen afrikanisch, mit ihren kurzen Pässen. Die Holländer spielen doch langweilig!“ Für ihn war das Halbfinale zwischen Deutschland und Spanien das eigentliche Finale. „Deutschland gewinnt in zwei Jahren die Europameisterschaft. Die Spanier sind dann zu alt!“ Na, dann wollen wir mal hoffen, dass Sibu Recht hat.

Sunday, July 4, 2010

“54...74...90...2010, ja so stimmen wir alle ein!”


Zwar benutzen sie alle etwas unterschiedliche Schlagzeilen. Allerdings steht für die südafrikanischen Sonntagszeitungen fest, dass sie am Samstagnachmittag in Kapstadt eine Fußballdemonstration erlebt haben, die in dieser Größenordnung bei der WM in Südafrika bislang ihresgleichen sucht. “Blitzkrieg!” titelte Rapport, die auf Afrikaans erscheint. “Für die größte auf Englisch erscheinende Sonntagszeitung, die Sunday Times, “rollen die Deutschen weiter”. Die Wortwahl bezieht sich wohl auf vormalige Schlagzeilen der englischen Presse, die bei früheren Turnieren die physisch dominanten und meistens siegreichen deutschen Nationalspieler mit Panzern verglichen hatten. In allen Berichten wird aber schnell klargestellt, dass diese deutsche Mannschaft mit den Panzern alter Prägung nur noch die Präzision gemein hat. Am treffendsten fasst es wohl „The Sunday Independent“, der in der Schlagzeile „Don't cry for us, Argentina!“ empfiehlt, zusammen: „Zu der altbekannten deutschen Effizienz gesellt sich Kreativität, Flair und Unbekümmertheit.“ Für die meisten Journalisten steht jetzt jedenfalls fest: Deutschland wird Weltmeister!

Natürlich, die Portugiesen haben die Nordkoreaner mit 7:0 in der Vorrunde abgefertigt. Allerdings hat Deutschland im Green Point Stadium gegen die „Albiceleste“, gegen Messi, Tevez, Di Maria und Higuain, gegen Argentinien, gespielt, und diese Mannschaft nahezu in ihre Einzelteile zerlegt. Im Green Point Stadium, am Fuße des Tafelberges erlebten die 64.100 Zuschauer ein nahezu unglaubliches Fußballspiel, „die Geburtsstunde einer epochemachenden Mannschaft“, wie mir ein südafrikanischer Freund per sms nach dem Spiel mitteilte. Ein anderer Freund hat via Facebook mitgeteilt: „Kapstadt – Deutschland feierte einen beeindruckenden Heimsieg!“ Ich habe das Spiel an der deutschen Schule in Johannesburg verfolgt, wo ich auch schon das zweite Vorrundenspiel gegen Serbien gesehen habe. Die Aula platzte diesmal wirklich aus allen Nähten. Beinahe 1.500 Besucher, die meisten in den deutschen Farben gekleidet, mit verschwinden geringem hellblau-weissem Anteil, verfolgten das Spiel auf der Großbildleinwand. Natürlich wurde überwiegend laut gejubelt und geschrien. Allerdings gab es auch ungläubiges Kopfschütteln. Man hätte es nie für möglich gehalten, dass diese junge Mannschaft Argentinien über weite Strecken der Partie einfach an die Wand spielt. Während am Ende viele Jugendliche auf der Bühne tanzten, machte der als Experte für das südafrikanische Fernsehen tätige Thomas Berthold den Udo Lattek auf der Leinwand dahinter. Er hatte noch in der Vorrunde getönt, dass der Weg für Deutschland spätestens im Viertelfinale gegen Argentinien enden würde. Jetzt teilte er mit, er habe bereits im Spiel gegen Australien gesehen, dass die deutsche Mannschaft stark genug für den Titel sei: Guter Mann, der Berthold!

Das unglaubliche Viertelfinale von Kapstadt drängte selbst die Trauer über das Ausscheiden der letzten afrikanischen Mannschaft des Turniers in den Hintergrund. Die Südafrikaner hatten geschlossen hinter Ghana gestanden und der uruguayische „Handballer“ Luis Suarez sollte sich eine dunkle Brille und einen Hut aufsetzen, sowie seine doch recht auffälligen Zähne hinter einem Schal verstecken, wenn er sich das Halbfinale seiner Mannschaft gegen die Niederlande am Dienstag im Stadion ansehen möchte. Er ist hier derzeit persona non grata. „Dessen Freudentänze nach Spielschluss – was hatte der da überhaupt nach der roten Karte zu suchen – waren bislang das widerlichste des gesamten Turniers! Und jetzt nennt er sich auch noch die echte Hand Gottes!“ regt sich die Architektin Marianne noch Tage später auf. Obwohl Uruguay der letzte Vertreter der südlichen Hemisphäre ist, dürfte nach dieser Unsportlichkeit kein Südafrikaner mehr hinter Uruguay stehen – Kapstadt wird mithin am Dienstag für die Niederländer ein Heimspiel bereithalten.

Seit dem Aufwachen habe ich den Gassenhauer der Sportfreunde Stiller von vor vier Jahren in leicht abgewandelter Form im Ohr, und ich denke, der wird auch noch die nächsten Tage ständig in meinen Gehörgängen präsent sein. Normalerweise ahme ich mit meinem 15-Monate alten Sohn morgens Tierstimmen nach. Heute habe ich ständig gepfiffen, gesummt und gesungen: „54...74...90...2010 – Ja, so stimmen wir alle ein...“ Georg, der das Spiel gestern auf meinem Arm mitverfolgen konnte, hat bestimmt gedacht, dass sein Papa heute nicht ganz klar im Kopf ist. Und er hat völlig Recht! Ich bin noch immer berauscht von der Nationalmannschaft. Morgen früh zur Arbeit trage ich mein Deutschlandtrikot. Obwohl ich mich noch sehr gut an die Siege bei der WM 1990 und bei der EM 1996 erinnern kann, war ich noch nie so stolz auf die Nationalmannschaft als im Moment. Ich werde konstant grinsen und mich auf das Halbfinale gegen Spanien am Tag des Erscheinens dieser Ausgabe freuen. Außerdem werde ich allen Leuten auf der Straße mit eingeklapptem Daumen und vier gespreizten Fingern zuwinken, denn die vier ist bis Mittwoch unsere, die deutsche Zahl! „Ke Nako Deutschland! Jetzt ist die Zeit!“ 54...74...90...2010...!!!

Thursday, July 1, 2010

Fußballpause – Zeit zum Durchatmen


Der Ball ruht also jetzt für ein paar Tage am Kap der Guten Hoffnung. Die Achtelfinale sind gespielt, und die ersten zwei Tage ohne Fußball seit 3 Wochen sind zu verkraften. Für die einen ein Segen: Margaret, Dozentin für Umweltrecht an der Universität von Südafrika in Pretoria freut sich, dass der Alltag jetzt wenigstens für zwei Tage regelmäßiger wird, „in diesem fußballverrückten Land“, wie sie sagt. Für ihren Kollegen Servious ist eine Zeit des spannungsgeladenen Fingernägelkauens angebrochen. Er kann es kaum erwarten, dass die Viertelfinale angepfiffen werden: „Eish! Ich hoffe, Ghana kommt ins Halbfinale!“ Wie er stehen die meisten Südafrikaner ziemlich geschlossen hinter Ghana, der letzten im Turnier verbliebenen afrikanischen Mannschaft, die im Viertelfinale gegen Uruguay antreten muss. Die Südamerikaner haben die Gastgeber noch aus der Vorrunde in eher schlechter Erinnerung, war doch die 0:3 Niederlage der Anfang vom Ende des südafrikanischen Traums vom Achtelfinale bei der Heimat- WM. Aber auch die letzten verbliebenen Europäer, die Selecion aus Spanien, die Elftal aus den Niederlanden, sowie die deutsche Nationalmannschaft haben hier durchaus Sympathien gesammelt. Besonders der deutschen Mannschaft wünscht man hier viel Glück. “Die spielen so bunt, fast afrikanisch!” sagt zum Beispiel Kusela aus Soweto. Brett aus Melville ergänzt: „Die sind alle noch so jung und sind schon so abgebrüht, besonders dieser Müller – Wahnsinn! Aber gegen Argentinien wird es sehr schwer.“

Zwei Tage ohne Fußball. Zeit, sich anderen, ebenfalls wichtigen Dingen zuzuwenden, für die bei mindestens zwei Spielen am Tag einfach keine Zeit bleibt, wie zum Beispiel mal wieder zum Friseur zu gehen, der an den beiden Ruhetagen auch wieder länger als 15:30 geöffnet hat. Fred, der an dieser Stelle vor ein paar Wochen bereits erwähnt wurde, ist in jeder Hinsicht von der WM begeistert. Man sollte sich als Kunde allerdings gut überlegen, ihn auf dieses Ereignis anzusprechen, denn er hat so viel zu erzählen, dass die Haare am Ende doch bedenklich kurz geschnitten sind. Er hat in den vergangenen Wochen das Geschäft seines Lebens gemacht. „Es mag nicht für alle gelten, aber ich bin ein Südafrikaner, der die WM gewonnen hat!“ strahlt er. Über 100 Kunden aus fast allen Teilnehmernationen hat er seit Turnierbeginn die Haare geschnitten. Er erzählt von einem japanischen Fan, der leider kein Englisch sprach, aber immer freundlich gelächelt hat, und mit einem Bild von Japans blondem Star Keisuke Honda als Vorlage kam. Oder der ältere Herr aus Paraguay, der immer morgens vor den Spielen Paraguays zum Haareschneiden kam. „Der hat kein einziges Spiel live gesehen, aber er wollte da sein, wo das Turnier stattfindet.“ berichtet Fred, und schüttelt erstaunt den Kopf. Ausnahmslos alle Leute haben sich stets positiv über Land und Leute geäußert. „Selbst die Australier!“ sagt Fred, und er spielt damit auf die in der südlichen Hemisphäre herrschende Rugby- Rivalität zwischen Südafrika und Australien an.

Mit dem Erscheinen dieser Ausgabe sind die nächsten Ruhetage, die vor den Halbfinalspielen liegen, angebrochen. Südafrika hofft kollektiv, dass dieses wunderbare Turnier noch vier Fußballfeste, neben den Halbfinals noch das kleine und das große Finale, erleben darf. Es mag etwas früh für ein Fazit sein, aber man kann sagen, dass das Turnier das frühe Ausscheiden der Gastgeber ohne größeren Schaden überstanden hat. Für die letzten Spiele sind restlos alle Karten ausverkauft und auch für die Fanmeilen werden hohe Besucherzahlen vorhergesagt. Nach den Stimmen der Touristen, sowie der Südafrikaner selbst zu urteilen, war dieses Turnier bereits jetzt ein Riesenerfolg und eine gelungene Imagekampagne für die Regenbogennation. Man hofft hier, das viele Fußballtouristen in den nächsten Jahren auch nochmals als „normale“ Touristen wiederkommen.

Monday, June 28, 2010

“Deutschland ist eine Turniermannschaft”


Was macht man als Deutscher, wenn man irgendwo in Südafrika im Busch (also ohne Fernseher) unterwegs ist, sich aber das Spiel der Spiele nicht entgehen lassen möchte? Man sucht die nächste Kneipe auf. Oder, wenn man in den Magaliesbergen, einer wunderschönen Landschaft in der Nähe von Rustenburg, unterwegs ist, geht man in den nächsten “Bushpub”. In einer Gaststätte in Südafrika, ob Kneipe oder Bushpub, ist derzeit eines völlig gewiss: Man wird mit Engländern Fußball gucken. Die Unterstützer der “3 Löwen” stellen das größte WM-Besucherkontingent, vor den Amerikanern und den Deutschen. Dies gilt umso mehr für die Gegend um Rustenburg. Das WM-Quartier der englischen Nationalmannschaft ist, oder besser, war ebenfalls in dieser Gegend. Daher hatten auch die Fans ihr Quartier dort aufgeschlagen. Viele, die die Reise nach Bloemfontein nicht angetreten hatten, da es nur eine limitierte Anzahl von Karten gab, bevölkerten daher die umliegenden „Wasserlöcher“.

Und so waren auch auch im „Sparkling Waters“ zahlreiche rot-weiss gekleidete Engländer, um auf der Großbildleinwand England siegen zu sehen. Nachdem man den Deutschen zunächst scherzhaft vorschlug, doch auf dem kleinen Bildschirm nebenan das Spiel zu sehen, entwickelten sich bereits vor dem Spiel lebhafte Gespräche. Angefangen von 1966 (Stichwort: Wembleytor), über 1970 (3:2 Sieg Deutschlands im Viertelfinale), 1990 (Stuart Pierces und Chris Waddles Fehlschüsse) bis 1996 (Andy Möllers peinliches Tänzchen), kamen so doch einige Anekdoten aus der jüngeren Fußballgeschichte der beiden Nationen auf den Tisch. Die Stimmung war locker und gelöst. Es wurde viel gelacht. Da Deutschland gegen Ghana doch einige Schwächen offenbart hatte, und die Engländer bis zu diesem Zeitpunkt ein schwaches Turnier gespielt hatten, war sich niemand seiner Sache wirklich sicher. Die Verhältnisse zurecht rückte der Kommentator des Spiels im Fernsehen Er erinnerte daran, dass die deutsche Nationalmannschaft bei großen Turnieren stets zu Hochform aufläuft und sich ständig steigert. Im englischen würde für ein solches Phänomen inzwischen der deutsche Ausdruck „Turniermannschaft“ verwendet.

Und diesem Ausdruck, diesem Qualitätsmerkmal, machten die Deutschen ja bekanntlich in diesem tollen Spiel wirklich alle Ehre. Die Entschlossenheit Miroslav Kloses bei seinem Führungstreffer beeindruckte die anwesenden Engländer mindestens so sehr, wie sie das anfängerhafte Stellungsspiel der englischen Innenverteidigung entsetzte. Nach dem 2:0 durch Podolski rief Barry, der sich mit seiner Frau in der Nähe von Rustenburg zur Ruhe gesetzt hat, lauthals: „1970 in Mexiko, Viertelfinale, nur umgekehrt!“ Damals hatte Deutschland bis zur 67. Minute und Franz Beckenbauers Sololauf mit 2:0 gegen England hinten gelegen, und am Ende 3:2 gewonnen. Nach dem von der Latte ins deutsche Tor geprallten Schuss von Lampard, dem der Schiedsrichter die Anerkennung verweigerte, konterten die Deutschen natürlich: „1966 in Wembley, Finale, nur umgekehrt!“ Alle erwarteten nach der Pause einen Sturmlauf der Engländer. Dieser Zahn wurde allerdings schnell gezogen. Die beiden traumhaften Kontertore von Thomas Müller veranlassten Peter aus Oxford zu dem verzweifelten Seufzer: „Schon wieder ein Müller, schon wieder die Nummer 13!“, eine Anspielung auf Gerd Müller, der mit der Nummer 13 die Engländer durch sein 3:2 in dem bereits erwähnten Viertelfinale von 1970 aus dem Turnier „gemüllert“ hatte. Das Spiel war gelaufen – die Engländer bestellten Vodka und warteten auf den Schlusspfiff. Möglicherweise war den meisten Deutschen die Stadt Bloemfontein vor diesem Spiel kein Begriff. Durch dieses 4:1 dürfte sich das geändert haben.

Und was macht man als Deutscher nach einem Turnierspiel gegen England? Man macht es wie Kapitän Philip Lahm und die Nationalmannschaft: Man genehmigt sich das ein oder andere Bierchen. Zumindest hatte der deutsche Kapitän nach dem Spiel diese Auskunft gegeben. Und außerdem nimmt man voller Freude und würdig lächelnd die ehrlich gemeinten, wenn auch mit zerknirschter Miene dargebrachten, Glückwünsche der anwesenden Engländer entgegen. Das ist der Unterschied zu den Argentiniern, auf die die Deutschen jetzt am Samstag im nasskalten Kapstadt treffen werden. Die “Gouchos” werden uns nach dem Spiel nicht gratulieren, sondern maximal eine gehörige Tracht Prügel androhen.

„Bloemfontein, Bloemfontein, wir fahr'n nach Bloemfontein!“ oder „Feel it! It is here!“


„Die Leute, die aus Angst, oder anderen Gründen nicht gekommen sind, haben hier wirklich etwas verpasst!“ Diesen Satz sagt Thomas, ein gebürtiger Südafrikaner, der als Künstleragent und Musiker in Berlin lebt, in der Halbzeitpause des letzten Gruppenspiels Deutschlands gegen Ghana in Soccer City. Er hat seinen Heimatbesuch vorverlegt, weil er sich diese WM, die einzigartige Atmosphäre und Stimmung, sowie den Stolz und die Freude seiner Landsleute nicht nur im Fernsehen ansehen wollte. Das Ausscheiden von Bafana Bafana hat er in London-Heathrow am Flughafen mitverfolgt. Er hat die Tränen gesehen, und er hat einen Tag später auch erlebt, wie schnell diese Tränen getrocknet wurden, um dieser ersten afrikanischen WM weiterhin den Glanz zu verleihen, den sie verdient. Thomas ist tief beeindruckt: von diesem wundervollen Stadion, von der Organisation des Busverkehrs im normalerweise notorisch autoverstopften Johannesburg, von den Farben – eigentlich von allem. Die vom Organisationskomitee immer wieder in den Medien propagierte Aufforderung: „Feel it! It is here!“ („Fühle es! Es ist hier!“), braucht er nicht. Er hat „es“, diese einzigartige Ausgelassenheit, schon am Flughafen bei der Ankunft spüren können.

Mit Pendelbussen, die größtenteils auf neu geschaffenen Busspuren fahren, werden die 83.000 Fußballfans von einigen Park-and-Ride Parkplätzen in der Stadt zum etwas außerhalb gelegenen Stadion von Soccer City, dass man bereits von weitem hell erleuchtet sieht. Das Stadion ist einer „Calabash“, oder einem Schmelztiegel, nachempfunden, der das Verschmelzen der Kulturen darstellen soll. An diesem Abend, wie wahrscheinlich auch bei den Spielen zuvor und danach, die in diesem wunderschönen und beeindruckenden Stadion stattfanden und stattfinden werden, konnte man dieses Leitmotiv des Architekten unschwer erkennen. Rot und Gelb waren die dominierenden Farben. Es kam noch das ghanaische Grün und das deutsche Schwarz dazu, und fertig war die bunte Mischung. Zwar gab es leider – wie immer bei FIFA-Veranstaltungen - nur Budweiser, aber die Atmosphäre in dem Oval, dass jedoch von den Rängen aus beinahe wie ein Rund wirkt, ließ diesen Wermutstropfen schnell vergessen. Das respektvolle Schweigen zur Intonation der Nationalhymnen wirkte ebenso ohrenbetäubend wie der Jubel, der beim Anpfiff ausbrach. Leider war Ghana nicht wirklich daran interessiert, die defensive Grundausrichtung aufzugeben, und Deutschland schaffte es nicht, den Schwung der ersten beiden Gruppenspiele in die Party hineinzutragen. Möglicherweise wäre dann noch mehr Euphorie zu spüren gewesen.

Zu den notorischen Vuvuzelas ist zu sagen, dass sie während des Spiels durchaus zur guten Stimmung beitrugen. Immer dann, wenn sie das ansonsten bekannte rhythmische Klatschen ersetzten, mussten sie für das angreifende Team wie Rückenwind wirken. Vereinzelt geblasen, oder als monotone Geräuschkulisse, sind diese Plastiktröten eher langweilig und nerven nach einer gewissen Zeit auch. Da waren die ghanaischen Trommeln doch um einiges schöner, die nach Özils Führungstreffer nur für wenige Minuten verstummten. Als nach dem Schlusspfiff feststand, dass auch Ghana die zweite Runde erreicht hatte, brandete ein alle Vuvuzelas übertönender Trommelwirbel auf, der das Publikum trotz des eher mäßigen Spiels gut gelaunt auf den Heimweg schickte.

Jetzt geht die südafrikanische Reise für die Nationalmannschaft dank Özils Treffer, Scheinsteigers Klasse, Lahm und Friedrichs Konsequenz, sowie dem sehr guten Torwart Neuer also weiter nach Bloemfontein. Die Fans der Bloemfontein Celtics sind traditionell die fußballverrücktesten im ganzen Land. Zwar waren schon lange keine großen Erfolge zu feiern. Allerdings machen die Leute den Besuch des Mangaung Stadions immer wieder zu einem Erlebnis. Das kommt einem Mönchengladbacher ja durchaus bekannt vor! Wenn nunmehr am Erscheinungstag dieser Ausgabe in diesem Stadion Deutschland gegen England spielt, dann wird dieser Kessel brodeln! Wollen wir zunächst hoffen, dass diese Atmosphäre den Deutschen mehr nutzt als den Engländern, und darüber hinaus, dass die deutsche Nationalmannschaft noch ein weiteres Spiel bei dieser WM in Johannesburg austragen darf. Das wäre dann das Finale! Dort dürfte allerdings ein Gegner anderen Kalibers warten als die abschlussschwachen Ghanaer.