
„Die Leute, die aus Angst, oder anderen Gründen nicht gekommen sind, haben hier wirklich etwas verpasst!“ Diesen Satz sagt Thomas, ein gebürtiger Südafrikaner, der als Künstleragent und Musiker in Berlin lebt, in der Halbzeitpause des letzten Gruppenspiels Deutschlands gegen Ghana in Soccer City. Er hat seinen Heimatbesuch vorverlegt, weil er sich diese WM, die einzigartige Atmosphäre und Stimmung, sowie den Stolz und die Freude seiner Landsleute nicht nur im Fernsehen ansehen wollte. Das Ausscheiden von Bafana Bafana hat er in London-Heathrow am Flughafen mitverfolgt. Er hat die Tränen gesehen, und er hat einen Tag später auch erlebt, wie schnell diese Tränen getrocknet wurden, um dieser ersten afrikanischen WM weiterhin den Glanz zu verleihen, den sie verdient. Thomas ist tief beeindruckt: von diesem wundervollen Stadion, von der Organisation des Busverkehrs im normalerweise notorisch autoverstopften Johannesburg, von den Farben – eigentlich von allem. Die vom Organisationskomitee immer wieder in den Medien propagierte Aufforderung: „Feel it! It is here!“ („Fühle es! Es ist hier!“), braucht er nicht. Er hat „es“, diese einzigartige Ausgelassenheit, schon am Flughafen bei der Ankunft spüren können.
Mit Pendelbussen, die größtenteils auf neu geschaffenen Busspuren fahren, werden die 83.000 Fußballfans von einigen Park-and-Ride Parkplätzen in der Stadt zum etwas außerhalb gelegenen Stadion von Soccer City, dass man bereits von weitem hell erleuchtet sieht. Das Stadion ist einer „Calabash“, oder einem Schmelztiegel, nachempfunden, der das Verschmelzen der Kulturen darstellen soll. An diesem Abend, wie wahrscheinlich auch bei den Spielen zuvor und danach, die in diesem wunderschönen und beeindruckenden Stadion stattfanden und stattfinden werden, konnte man dieses Leitmotiv des Architekten unschwer erkennen. Rot und Gelb waren die dominierenden Farben. Es kam noch das ghanaische Grün und das deutsche Schwarz dazu, und fertig war die bunte Mischung. Zwar gab es leider – wie immer bei FIFA-Veranstaltungen - nur Budweiser, aber die Atmosphäre in dem Oval, dass jedoch von den Rängen aus beinahe wie ein Rund wirkt, ließ diesen Wermutstropfen schnell vergessen. Das respektvolle Schweigen zur Intonation der Nationalhymnen wirkte ebenso ohrenbetäubend wie der Jubel, der beim Anpfiff ausbrach. Leider war Ghana nicht wirklich daran interessiert, die defensive Grundausrichtung aufzugeben, und Deutschland schaffte es nicht, den Schwung der ersten beiden Gruppenspiele in die Party hineinzutragen. Möglicherweise wäre dann noch mehr Euphorie zu spüren gewesen.
Zu den notorischen Vuvuzelas ist zu sagen, dass sie während des Spiels durchaus zur guten Stimmung beitrugen. Immer dann, wenn sie das ansonsten bekannte rhythmische Klatschen ersetzten, mussten sie für das angreifende Team wie Rückenwind wirken. Vereinzelt geblasen, oder als monotone Geräuschkulisse, sind diese Plastiktröten eher langweilig und nerven nach einer gewissen Zeit auch. Da waren die ghanaischen Trommeln doch um einiges schöner, die nach Özils Führungstreffer nur für wenige Minuten verstummten. Als nach dem Schlusspfiff feststand, dass auch Ghana die zweite Runde erreicht hatte, brandete ein alle Vuvuzelas übertönender Trommelwirbel auf, der das Publikum trotz des eher mäßigen Spiels gut gelaunt auf den Heimweg schickte.
Jetzt geht die südafrikanische Reise für die Nationalmannschaft dank Özils Treffer, Scheinsteigers Klasse, Lahm und Friedrichs Konsequenz, sowie dem sehr guten Torwart Neuer also weiter nach Bloemfontein. Die Fans der Bloemfontein Celtics sind traditionell die fußballverrücktesten im ganzen Land. Zwar waren schon lange keine großen Erfolge zu feiern. Allerdings machen die Leute den Besuch des Mangaung Stadions immer wieder zu einem Erlebnis. Das kommt einem Mönchengladbacher ja durchaus bekannt vor! Wenn nunmehr am Erscheinungstag dieser Ausgabe in diesem Stadion Deutschland gegen England spielt, dann wird dieser Kessel brodeln! Wollen wir zunächst hoffen, dass diese Atmosphäre den Deutschen mehr nutzt als den Engländern, und darüber hinaus, dass die deutsche Nationalmannschaft noch ein weiteres Spiel bei dieser WM in Johannesburg austragen darf. Das wäre dann das Finale! Dort dürfte allerdings ein Gegner anderen Kalibers warten als die abschlussschwachen Ghanaer.
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