Monday, June 28, 2010

“Deutschland ist eine Turniermannschaft”


Was macht man als Deutscher, wenn man irgendwo in Südafrika im Busch (also ohne Fernseher) unterwegs ist, sich aber das Spiel der Spiele nicht entgehen lassen möchte? Man sucht die nächste Kneipe auf. Oder, wenn man in den Magaliesbergen, einer wunderschönen Landschaft in der Nähe von Rustenburg, unterwegs ist, geht man in den nächsten “Bushpub”. In einer Gaststätte in Südafrika, ob Kneipe oder Bushpub, ist derzeit eines völlig gewiss: Man wird mit Engländern Fußball gucken. Die Unterstützer der “3 Löwen” stellen das größte WM-Besucherkontingent, vor den Amerikanern und den Deutschen. Dies gilt umso mehr für die Gegend um Rustenburg. Das WM-Quartier der englischen Nationalmannschaft ist, oder besser, war ebenfalls in dieser Gegend. Daher hatten auch die Fans ihr Quartier dort aufgeschlagen. Viele, die die Reise nach Bloemfontein nicht angetreten hatten, da es nur eine limitierte Anzahl von Karten gab, bevölkerten daher die umliegenden „Wasserlöcher“.

Und so waren auch auch im „Sparkling Waters“ zahlreiche rot-weiss gekleidete Engländer, um auf der Großbildleinwand England siegen zu sehen. Nachdem man den Deutschen zunächst scherzhaft vorschlug, doch auf dem kleinen Bildschirm nebenan das Spiel zu sehen, entwickelten sich bereits vor dem Spiel lebhafte Gespräche. Angefangen von 1966 (Stichwort: Wembleytor), über 1970 (3:2 Sieg Deutschlands im Viertelfinale), 1990 (Stuart Pierces und Chris Waddles Fehlschüsse) bis 1996 (Andy Möllers peinliches Tänzchen), kamen so doch einige Anekdoten aus der jüngeren Fußballgeschichte der beiden Nationen auf den Tisch. Die Stimmung war locker und gelöst. Es wurde viel gelacht. Da Deutschland gegen Ghana doch einige Schwächen offenbart hatte, und die Engländer bis zu diesem Zeitpunkt ein schwaches Turnier gespielt hatten, war sich niemand seiner Sache wirklich sicher. Die Verhältnisse zurecht rückte der Kommentator des Spiels im Fernsehen Er erinnerte daran, dass die deutsche Nationalmannschaft bei großen Turnieren stets zu Hochform aufläuft und sich ständig steigert. Im englischen würde für ein solches Phänomen inzwischen der deutsche Ausdruck „Turniermannschaft“ verwendet.

Und diesem Ausdruck, diesem Qualitätsmerkmal, machten die Deutschen ja bekanntlich in diesem tollen Spiel wirklich alle Ehre. Die Entschlossenheit Miroslav Kloses bei seinem Führungstreffer beeindruckte die anwesenden Engländer mindestens so sehr, wie sie das anfängerhafte Stellungsspiel der englischen Innenverteidigung entsetzte. Nach dem 2:0 durch Podolski rief Barry, der sich mit seiner Frau in der Nähe von Rustenburg zur Ruhe gesetzt hat, lauthals: „1970 in Mexiko, Viertelfinale, nur umgekehrt!“ Damals hatte Deutschland bis zur 67. Minute und Franz Beckenbauers Sololauf mit 2:0 gegen England hinten gelegen, und am Ende 3:2 gewonnen. Nach dem von der Latte ins deutsche Tor geprallten Schuss von Lampard, dem der Schiedsrichter die Anerkennung verweigerte, konterten die Deutschen natürlich: „1966 in Wembley, Finale, nur umgekehrt!“ Alle erwarteten nach der Pause einen Sturmlauf der Engländer. Dieser Zahn wurde allerdings schnell gezogen. Die beiden traumhaften Kontertore von Thomas Müller veranlassten Peter aus Oxford zu dem verzweifelten Seufzer: „Schon wieder ein Müller, schon wieder die Nummer 13!“, eine Anspielung auf Gerd Müller, der mit der Nummer 13 die Engländer durch sein 3:2 in dem bereits erwähnten Viertelfinale von 1970 aus dem Turnier „gemüllert“ hatte. Das Spiel war gelaufen – die Engländer bestellten Vodka und warteten auf den Schlusspfiff. Möglicherweise war den meisten Deutschen die Stadt Bloemfontein vor diesem Spiel kein Begriff. Durch dieses 4:1 dürfte sich das geändert haben.

Und was macht man als Deutscher nach einem Turnierspiel gegen England? Man macht es wie Kapitän Philip Lahm und die Nationalmannschaft: Man genehmigt sich das ein oder andere Bierchen. Zumindest hatte der deutsche Kapitän nach dem Spiel diese Auskunft gegeben. Und außerdem nimmt man voller Freude und würdig lächelnd die ehrlich gemeinten, wenn auch mit zerknirschter Miene dargebrachten, Glückwünsche der anwesenden Engländer entgegen. Das ist der Unterschied zu den Argentiniern, auf die die Deutschen jetzt am Samstag im nasskalten Kapstadt treffen werden. Die “Gouchos” werden uns nach dem Spiel nicht gratulieren, sondern maximal eine gehörige Tracht Prügel androhen.

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