Zwar benutzen sie alle etwas unterschiedliche Schlagzeilen. Allerdings steht für die südafrikanischen Sonntagszeitungen fest, dass sie am Samstagnachmittag in Kapstadt eine Fußballdemonstration erlebt haben, die in dieser Größenordnung bei der WM in Südafrika bislang ihresgleichen sucht. “Blitzkrieg!” titelte Rapport, die auf Afrikaans erscheint. “Für die größte auf Englisch erscheinende Sonntagszeitung, die Sunday Times, “rollen die Deutschen weiter”. Die Wortwahl bezieht sich wohl auf vormalige Schlagzeilen der englischen Presse, die bei früheren Turnieren die physisch dominanten und meistens siegreichen deutschen Nationalspieler mit Panzern verglichen hatten. In allen Berichten wird aber schnell klargestellt, dass diese deutsche Mannschaft mit den Panzern alter Prägung nur noch die Präzision gemein hat. Am treffendsten fasst es wohl „The Sunday Independent“, der in der Schlagzeile „Don't cry for us, Argentina!“ empfiehlt, zusammen: „Zu der altbekannten deutschen Effizienz gesellt sich Kreativität, Flair und Unbekümmertheit.“ Für die meisten Journalisten steht jetzt jedenfalls fest: Deutschland wird Weltmeister!
Natürlich, die Portugiesen haben die Nordkoreaner mit 7:0 in der Vorrunde abgefertigt. Allerdings hat Deutschland im Green Point Stadium gegen die „Albiceleste“, gegen Messi, Tevez, Di Maria und Higuain, gegen Argentinien, gespielt, und diese Mannschaft nahezu in ihre Einzelteile zerlegt. Im Green Point Stadium, am Fuße des Tafelberges erlebten die 64.100 Zuschauer ein nahezu unglaubliches Fußballspiel, „die Geburtsstunde einer epochemachenden Mannschaft“, wie mir ein südafrikanischer Freund per sms nach dem Spiel mitteilte. Ein anderer Freund hat via Facebook mitgeteilt: „Kapstadt – Deutschland feierte einen beeindruckenden Heimsieg!“ Ich habe das Spiel an der deutschen Schule in Johannesburg verfolgt, wo ich auch schon das zweite Vorrundenspiel gegen Serbien gesehen habe. Die Aula platzte diesmal wirklich aus allen Nähten. Beinahe 1.500 Besucher, die meisten in den deutschen Farben gekleidet, mit verschwinden geringem hellblau-weissem Anteil, verfolgten das Spiel auf der Großbildleinwand. Natürlich wurde überwiegend laut gejubelt und geschrien. Allerdings gab es auch ungläubiges Kopfschütteln. Man hätte es nie für möglich gehalten, dass diese junge Mannschaft Argentinien über weite Strecken der Partie einfach an die Wand spielt. Während am Ende viele Jugendliche auf der Bühne tanzten, machte der als Experte für das südafrikanische Fernsehen tätige Thomas Berthold den Udo Lattek auf der Leinwand dahinter. Er hatte noch in der Vorrunde getönt, dass der Weg für Deutschland spätestens im Viertelfinale gegen Argentinien enden würde. Jetzt teilte er mit, er habe bereits im Spiel gegen Australien gesehen, dass die deutsche Mannschaft stark genug für den Titel sei: Guter Mann, der Berthold!
Das unglaubliche Viertelfinale von Kapstadt drängte selbst die Trauer über das Ausscheiden der letzten afrikanischen Mannschaft des Turniers in den Hintergrund. Die Südafrikaner hatten geschlossen hinter Ghana gestanden und der uruguayische „Handballer“ Luis Suarez sollte sich eine dunkle Brille und einen Hut aufsetzen, sowie seine doch recht auffälligen Zähne hinter einem Schal verstecken, wenn er sich das Halbfinale seiner Mannschaft gegen die Niederlande am Dienstag im Stadion ansehen möchte. Er ist hier derzeit persona non grata. „Dessen Freudentänze nach Spielschluss – was hatte der da überhaupt nach der roten Karte zu suchen – waren bislang das widerlichste des gesamten Turniers! Und jetzt nennt er sich auch noch die echte Hand Gottes!“ regt sich die Architektin Marianne noch Tage später auf. Obwohl Uruguay der letzte Vertreter der südlichen Hemisphäre ist, dürfte nach dieser Unsportlichkeit kein Südafrikaner mehr hinter Uruguay stehen – Kapstadt wird mithin am Dienstag für die Niederländer ein Heimspiel bereithalten.
Seit dem Aufwachen habe ich den Gassenhauer der Sportfreunde Stiller von vor vier Jahren in leicht abgewandelter Form im Ohr, und ich denke, der wird auch noch die nächsten Tage ständig in meinen Gehörgängen präsent sein. Normalerweise ahme ich mit meinem 15-Monate alten Sohn morgens Tierstimmen nach. Heute habe ich ständig gepfiffen, gesummt und gesungen: „54...74...90...2010 – Ja, so stimmen wir alle ein...“ Georg, der das Spiel gestern auf meinem Arm mitverfolgen konnte, hat bestimmt gedacht, dass sein Papa heute nicht ganz klar im Kopf ist. Und er hat völlig Recht! Ich bin noch immer berauscht von der Nationalmannschaft. Morgen früh zur Arbeit trage ich mein Deutschlandtrikot. Obwohl ich mich noch sehr gut an die Siege bei der WM 1990 und bei der EM 1996 erinnern kann, war ich noch nie so stolz auf die Nationalmannschaft als im Moment. Ich werde konstant grinsen und mich auf das Halbfinale gegen Spanien am Tag des Erscheinens dieser Ausgabe freuen. Außerdem werde ich allen Leuten auf der Straße mit eingeklapptem Daumen und vier gespreizten Fingern zuwinken, denn die vier ist bis Mittwoch unsere, die deutsche Zahl! „Ke Nako Deutschland! Jetzt ist die Zeit!“ 54...74...90...2010...!!!
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