„Ach, als Engländer sollte man vor einem großen Fußballturnier nicht so viel über Deutschland sprechen. Keiner traut den Deutschen etwas zu, und am Ende ziehen sie uns beim Elfmeterschießen das Fell über die Ohren – es sei denn ein russischer Linienrichter ist auf unserer Seite.“ Das sagt der Fotograf Zute Lightfoot aus London, der derzeit mit seiner Frau Demelza in Johannesburg ist, um die Fußball- WM zu dokumentieren. Die beiden sind genauso aufgeregt wie die Südafrikaner, dass es endlich losgeht. Sie haben einige Bilder in der „Halakasha Soccer Exhibition“, einer Kunstausstellung in der Standard Bank Gallery in Johannesburg ausgestellt. 2006 bei der WM in Deutschland ging es den beiden noch vorwiegend darum, die Spiele selbst zu fotografieren. Die bunten und kreativen Fans der Angolaner, Ghanaer, der Elfenbeinküste und von Togo zogen ihre Objektive dann aber auch auf die jeweiligen Fanblocks. Bei den „Africa Cups of Nations“ in Ghana 2008 und in Angola 2010, der afrikanischen Kontinentalmeisterschaft, die nicht wie die Europameisterschaft alle vier, sondern alle zwei Jahre ausgetragen wird, waren dann kaum noch Fotos der Spiele selbst, sondern ausschließlich die Fans in den Portfolios. Man wird die bunt bemalten Körper – trotz des kühlen Wetters – auch bei dieser WM auf den Bildschirmen sehen. „Afrikas Verhältnis zum Fußball ist ganz speziell, und obwohl die Begeisterung in Deutschland 2006 – für uns Engländer völlig überraschend – riesig war; sie ist mit der Stimmung hier vor der WM nicht zu vergleichen.“
„Die Deutschen sind gar nicht so schlecht,“ sagt Servious Hungwe aus Simbabwe, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der University of South Africa arbeitet. Er hat das Championsleaguefinale gesehen und ist davon überzeugt, dass dieser Müller von Bayern vielleicht der beste junge Spieler bei der WM wird, obwohl er eigentlich im Finale gegen Inter Mailand zwei Tore hätte schießen müssen. Zum Thema Bedeutung von Fußball und Begeisterung für „das schöne Spiel“ in Afrika ergänzt er, dass er es sich nicht vorstellen kann, dass in Deutschland die Spieler einer Mannschaft vor wichtigen Spielen im Busch schlafen, und dass am Spieltag von der Mannschaft in einem gemeinsamen Ritual Hühner, Schafe, Ziegen oder Ochsen geschlachtet werden, je nachdem wie wohlhabend der Chef des Klubs ist. Das sei der Unterschied zwischen Europa Afrika: „Rituale und Hexerei – wir nennen das Muti oder Juju – gehören hier nach wie vor dazu, wenn auch die Ligachefs der Premier Soccer League in Südafrika diese Sachen in den Stadien verboten haben. In England und Deutschland gehen die Fans doch nur vor dem Spiel in die Kneipe und trinken Bier.“ Vielleicht sollte man den Jungs von Jogi Löw vorschlagen, doch mal gemeinsam einen Ochsen zu schlachten – sicher ist sicher.
Marcus, der einer der Geschäftsführer einer Cateringfirma ist, die im Laufe des Turniers auch ein paar Mal im Hotel der Deutschen, im Velmore Grande, Gäste beköstigen wird, teilt mit, dass sein Freund, der im Quartier der Deutschen im Management arbeitet, ihm erzählt hat, die Deutschen hätten absolute Perfektion verlangt und seien etwas sauer, dass ihre Mobiltelefone nicht immer Empfang hätten. Aber er ist über die Höflichkeit und Disziplin der Spieler begeistert. Marcus selbst war schon immer für Holland, aber er hat gehört, dass die Deutschen die jüngste Mannschaft des Turniers stellen, und er findet, dass dieser Mut belohnt werden muss.
Auf der zuvor erwähnten „Halakasha Soccer Exhibition“ gibt es nur wenige Exponate, die an Deutschland erinnern: zum einen die Fußballschuhe von Eusebio von der WM 1966, die Schuhe von Pele von 1970, sowie die von Maradonna von 1986, allesamt von PUMA aus Herzogenaurach. Es fällt auf, dass PUMA sich sehr stark auf dem afrikanischen Kontinent in Szene setzt. Bis auf Südafrika tragen alle anderen afrikanischen Teilnehmerländer PUMA. Darüber hinaus existiert noch eine Friseurwerbung, auf der ein gemahlter Michael Ballack in Aktion zu sehen ist – leider ja auch ein historisches Kunstwerk. Mandla Tshabalala, der in den frühen 90igern eine Saison lang für Jomo Cosmos in der ersten südafrikanischen Liga gespielt hat, macht noch auf eine weitere Verbindung zu Deutschland aufmerksam: Sein damaliger Trainer und Clubbesitzer Jomo Sono, so etwas wie der große alte Mann des südafrikanischen Fußballs, der auch schon zweimal Nationaltrainer war, hat in den späten 70igern zusammen mit Franz Beckenbauer und Pele bei Cosmos New York gespielt. „In jedem Training hat Jomo uns erzählt, was für ein fantastischer Fußballer Beckenbauer war, und vor allem, wie diszipliniert!“ Er glaubt zwar nicht, dass Deutschland ohne Ballack Weltmeister wird; allerdings sieht er die Mannschaft im Halbfinale: „In Deutschland gibt es so viele Mittelfeldspieler. Da wird schon einer für Ballack übernehmen können.“ Na, dann kann es ja jetzt losgehen! Austarlien, zieh Dich warm an!
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