Thursday, June 17, 2010

Mbazo, die Axt, die stumpf blieb und leichte Ernüchterung im Gastgeberland


„Die Hoffnung stirbt zuletzt, der Stolz nie!“ Was einst für Borussia Mönchengladbach galt, kann man nunmehr auch auf die südafrikanische Nationalelf übertragen. Nur noch sehr gering sind die Chancen Bafana Bafana's, die Vorrunde zu überstehen. Die deutliche Klatsche gegen Uruguay, an einem kalten Winterabend in Pretoria hat der WM den ersten sportlichen Stimmungsdämpfer beschert. Während der Nationaltrainer Parreira dem Schiedsrichter die Schuld gab – eine Sichtweise, die er ziemlich exklusiv gehabt haben dürfte, war für viele der Trainer selbst der entscheidende Faktor. Zu eindimensional habe er agieren lassen, zu ängstlich und zu defensiv, entgegen der Natur der Spieler im Kader, die eigentlich nach vorne streben. Kusela aus Soweto hat die Schwachstelle im Kapitän der Mannschaft, Abwehrspieler Aaron Mokoena ausgemacht: „Er lässt sich Mbazo nennen, die Axt. Mit so einer stumpfen Axt kann man doch keinen Baum fällen.“ Er schickt noch ein paar entsprechende Flüche auf Sotho, einer der 11 offiziellen Landessprachen Südafrikas hinterher.

Auch weitere nicht sportbedingte Faktoren bremsen die Euphorie, die in der ersten Turnierwoche schier unendlich groß zu sein schien. Zum einen haben die Sicherheitskräfte in einigen der Stadien gestreikt, so dass die Polizei mit zusätzlichem Personal deren Aufgaben übernehmen musste. Man muss die zeitweiligen Mitarbeiter der Sicherheitsfirma Stallion verstehen. Statt der ausgehandelten 50 EURO pro Spiel und Schicht, die bis zu 16 Stunden lang sein konnte, wurden nur 19 EURO gezahlt, wenn überhaupt. Den Vertrag mit Stallion hat übrigens die FIFA abgeschlossen, die ja nach eigenen Angaben für die WM in Südafrika erneut Rekordgewinne erwartet. Darüber hinaus drohen auch einige gewerkschaftlich organisierte Arbeiter des staatlichen Energieversorgers ESKOM mit Streik. Zwar hat man seitens der Politik und des Organisationskomitees an deren Patriotismus appelliert und auf die Bedeutung des Turniers für den Ruf des Landes hingewiesen. Allerdings hilft das dem einzelnen Arbeiter wenig, wenn Tarifverträge seitens des staatlichen Monopolisten nicht eingehalten werden. Bislang halten sich die Stromausfälle jedoch in dem Rahmen, den man in Südafrika ohnehin gewohnt ist. Bedingt durch den lang anhaltenden Wirtschaftsboom seit dem Ende der Apartheid ist der Stromverbrauch so schnell angestiegen, dass die Produktion der Kraftwerke nicht mehr mithalten kann. Insgesamt sind aber alle Spiele nach wie vor sehr gut besucht und die WM ist nach wie vor das bestimmende Thema im Alltag.

„Ach, keine Sorge! Heute morgen in Soweto haben sich alle schnell daran erinnert, dass sie bis vor ein paar Wochen doch eigentlich gar nicht mit einem Weiterkommen von Bafana Bafana gerechnet hatten. Wir freuen uns doch alle nach wie vor über die WM.“ Kusela ist nach wie vor guten Mutes und ist sich sicher, dass die Stimmung weiter ausgezeichnet bleiben wird; auch wenn die eigene Mannschaft ausscheiden sollte. Allerdings ist ihm anzumerken, dass ihm die ungünstige Ausgangslage der Nationalmannschaft im Moment doch noch zu schaffen macht. Er hatte aber auch schon immer eine Schwäche für Brasilien, und die sieht er trotz des holprigen Starts gegen Nordkorea als stärkste Mannschaft des Turniers. Die Deutschen nicht, die hätten ja nur die Australier geschlagen, und die könnten ja ohnehin nur Rugby.

„Ich bin eh für Portugal. Meine Eltern sind in den 50er Jahren von Madeira nach Südafrika ausgewandert.“ sagt Manoel Texeira. Gegen Mitte des letzten Jahrhunderts waren im Südafrika der Apartheid die Fachkräfte knapp, so dass man seitens der Regierung in Europa und speziell in Portugal nach Zimmerleuten (wie Manoels Vater), Maurern und Mechanikern suchte. Zusammen mit den portugiesisch-stämmigen Angolanern und Mozambicanern, die in den 70er Jahren die ehemaligen portugiesischen Kolonien nach deren Unabhängigkeit in Richtung Südafrika verließen, sind es die damaligen Einwanderer und deren Kinder, die für die Vielzahl von portugiesischen Flaggen bei der WM verantwortlich sind. Manoel selbst ist Inhaber einer Autowerkstatt im Stadtteil Northcliff und viele deutsche Kunden. „Die hatten seit Sonntag schon ein ziemlich breites Grinsen drauf. Mal sehen, ob das noch länger andauert.“

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