Sunday, May 30, 2010

Bafana Bafana - Bis zum Schluss


Wenn man in diesen Tagen in den Strassen von Johannesburg Menschen trifft eröffnet sich einem ein Phänomen, dass genauso auch vor vier Jahren in Deutschland zu erkennen war: Die herannahende Fussballweltmeisterschaft wird immer positiver gesehen, und parallel dazu verläuft die Kurve des Glaubens an die Fähigkeiten der eigenen Mannschaft. So sagt Ngamhlageto, ein Student der Wirtschaftswissenschaften an der Universiät von Johannesburg, dass er sich am meisten auf das Eröffnungs- und das Endspiel freut, da er davon überzeugt ist, in beiden Spielen die eigene, südafrikanische Nationalmannschaft „Bafana Bafana“ zu sehen – „Überhaupt kein Zweifel!“ Das war vor ein paar Wochen noch ganz anders. Damals traute man der eigenen Mannschaft überhaupt nichts zu, zu chaotisch schien die Vorbereitung, zu schlecht die Ergebnisse. Kaum jemand wollte die Testspiele sehen. Nach dem überzeugenden 4:0 Sieg gegen Thailand änderte sich dies schlagartig. Das Spiel gegen Bulgarien am vergangenen Montag im Orlando Stadion in Soweto war genauso ausverkauft, wie es das Spiel am vergangenen Freitag im neuen WM- Stadion von Soccer City in Nasrec in Johannesburg, war. Egal wen man fragt, die Vorfreude ist überall präsent. Trikots der Nationalmannschaft dominieren das Stadtbild.

Zwar ist zum Beispiel die Pädagogik- Studentin Soummeia davon überzeugt, dass im Fahrwasser der WM nichts zuückbleiben wird, was das Land entscheidend weiterbringen wird – ausser einer verbesserten Verkehrsinfrastruktur. Allerdings gibt es auch viele, die in diesem Punkt ganz anderer Meinung sind. Ngamghlageto zieht Parallelen zum grössten Triumph in der Geschichte des südafrikanischenFussballs, dem Gewinn der afrikanischen Kontinentalmeisterschaft 1996 und Südafrikas Gewinn der Rugby-Weltmeisterschaft ein Jahr zuvor- derzeit als Verfilmung in internationalen Kinos unter dem Namen „Invictus“ zu sehen. Damals hatte der erste Präsident des gerade erst aus der Taufe gehobenen „neuen Südafrikas“ dem Fussballer Lucas Radebe und dem Rugbyspieler Francois Pienaar die jeweilige Trophäe unter dem Jubel seiner Landsleute jeweils aller Hautfarben übergeben. Nach Ngamhlageto wird sich das wiederholen. „Das Land wird enger zusammenrücken, geschlossen die Nationalmannschaft unterstützen, und das wird das Land auch auf dem Weg zur Transformation voranbringen.“

Dass ein Ereignis wie die WM tatsachlich auch über den Sport hinaus Geschichte schreiben kann wurde an den beiden vergangenen Samstagen sichtbar. Da das Stadion Loftus Versfeld in Pretoria, Heimstädte der derzeit wohl besten Klub-Rugbymannschaft der Welt, der „Blue Bulls“, für die WM umgebaut wird, mussten die „Blue Bulls“ das Halbfinale und das Finale der „Super 14“, so etwas wie die Championsleague des Rugby in der südlichen Hemisphäre, an einem anderen Ort austragen. Man entschied sich fur das Orlando Stadion in Soweto, einem Teil von Johannesburg, der fast ausschliesslich von Schwarzen bewohnt wird. Bereits in dien Stunden vor dem Spiel hiessen die Einwohner von Soweto die „Gäste“ mit einem blauen Fahnenmeer an allen Strassen willkommen, während die sonst eher dem Fussball vorbehaltenen Plastiktröten „Vuvuzelas“ ertönten. Hunderte von Fans der „Blue Bulls“ aus Pretoria, als eher konservativ bekannte Weisse, die die schwarze Bevölkerungsmehrheit oftmals eher argwöhnisch betrachten, gingen vor und nach dem Spiel in die dutzende von informellen Kneipen und an die inoffiziellen Getränkeläden, die rund um das Stadion entstanden waren, um dort mit ihren schwarzen Mitbürgern zu feiern – es dürfte für viele das erste Mal gewesen sein.

Auch Marina, die Eigentümerin eines Imbissrestaurants auf dem Campus der Universität von Johannesburg ist, ist sich sicher, dass die WM zu keinem besseren Zeitpunkt hätte kommen können. Sie freut sich am meisten auf die Stimmung, die das Ereignis mit sich bringen wird. Menschen aus der ganzen Welt werden zusammen mit den Südafrikanern eine tolle Zeit verbringen. „Nach der WM werden die Touristen und Fernsehzuschauer wissen, dass Südafrika viel mehr als nur Korruption und Kriminalität, sondern vor allem auch wunderschön und sehr, sehr gastfreundlich ist!“

Während Ngamhlageto sicher ist, dass am 11. Juli nach dem Endspiel Präsident Jacob Zuma den Weltpokal an den Südafrikaner Aaron Mokoena übergeben wird, steht ja aus deutscher Sicht noch nicht fest, welcher Spieler den Pokal nach einem gewonnenen Endspiel als erster übernehmen würde, da Jogi Löw sich mit der Benennung seines Kapitäns ja noch etwas Zeit lässt. Allerdings dürfte dieser Spieler höchstwahrscheinlich in Südafrika fast völlig unbekannt sein. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von Michael Ballack, der hier in allen Medien über mehrere Tage immer wieder Thema war, ist aus dem aktuellen deutschen Kader kein Name mehr so richtig geläufig. Allenfalls „der kleine“ Philip Lahm oder Bastian Schweinsteiger sind noch ein Begriff. Marinas Sohn, der das Trikot der argentinischen „Albiceleste“ trägt, eigentlich aber für Holland ist, kennt noch den, der mit „K“ anfängt. „Klose“ – „Ja, genau der!“ Es spielt halt ausser Ballack kein deutscher WM Teilnehmer in der englischen Premier League, die hier in Südafrika das Maß aller Dinge ist. Man ist sich hier einig, die Deutschen haben keine Chancen. Es bleibt zu hoffen, dass die deutsche Natinalmannschaft sich während des Turniers ins Bewusstsein der Südafrikaner spielt.

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