Kriminalität – Realität und Paranoia in Südafrika
Im Zusammenhang mit der in wenigen Tagen beginnenden Fussball- WM tauchen immer wieder Fragen auf, die sich um die Sicherheit der Fußballtouristen drehen. Sehr häufig lautet die pauschale Antwort, dass von einem Besuch der Weltmeisterschaft wegen der hohen Zahl an Gewaltverbrechen abzuraten sei. Richtig ist, dass Kriminalität eines der größten gesellschaftlichen Probleme im Land ist. Die Statistiken belegen, dass Südafrika eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt aufweist. Besorgniserregend ist dabei vor allem, dass die Zahl der Gewaltverbrechen in der Tat immer noch besonders hoch ist, obwohl in diesem Bereich seit über 10 Jahren ein kontinuierlicher Rückgang zu vermelden ist. Auch wenn lange nicht alle Länder Kriminalitätsstatistiken veröffentlichen und die Kriterien für die Erstellung derselben von Land zu Land verschieden sind, sind diese Tatsachen weder wegzudiskutieren, noch in irgendeiner Form zu beschönigen und stellen eine reale Gefahr dar.
Nicht richtig ist jedoch das Bild, dass durch die Berichterstattung in letzter Zeit von Südafrika entstanden ist. Südafrika wurde wegen der Kriminalität vielfach mit einem Kriegsgebiet verglichen, in dem man seines Lebens nicht sicher sein kann und wo hinter jedem Busch ein Räuber oder Mörder lauert. So wurde angeraten, dass sich die deutschen Nationalspieler während des Turniers nur mit schuss- und stichsicheren Westen aus dem Mannschaftsquartier wagen sollen. Ein englisches Unternehmen bot allen Ernstes diese Schutzwesten für die WM- Touristen in den jeweiligen Landesfarben als Fanartikel an. Es wurde dabei stets unerwähnt gelassen, dass Südafrika in der Vergangenheit bereits sportliche Großereignisse wie 1995 die Rugby- und 2003 die Cricket- WM organisiert hat, ohne dass es zu nennenswerten Zwischenfällen kam. Keinesfalls wird von den Südafrikanern unterschätzt, dass die Fußballweltmeisterschaft als größtes Sportereignis der Welt eine andere Hausnummer ist und daher hat die Sicherheit der Besucher während der WM bei den Behörden allerhöchste Priorität.
Wenn man in Südafrika lebt, wird man natürlich zwangsläufig mit Kriminalität konfrontiert, und sei es auch nur durch das Ergreifen von Maßnahmen zur Prävention. Elektrozäune, Stachel- und Rasierklingendraht auf ohnehin meterhohen Mauern; Wachhunde hinter einbruchsicheren Toren und Türen, Schilder an öffentlichen Gebäuden wie der Universität mit dem Hinweis, dass das Tragen von Schusswaffen drinnen verboten ist, sowie private Wachdienste prägen das Stadtbild. Einbrüche in Wohnhäuser sind, besonders in den größeren Städten, genauso an der Tagesordnung, wie Autodiebstähle und Raubüberfälle. Man darf dabei allerdings eines nicht vergessen: hauptsächlich werden die Armen Opfer von Kriminalität, die es sich nicht leisten können, in einem „besseren“ Viertel zu leben und ihr Haus an ein Alarmsystem anzuschließen oder private Sicherheitsgesellschaften zu bezahlen, die die Straßen patrouillieren.
Die Geschichte des aus dem Kongo stammenden Kawa, der im recht unsicheren und heruntergekommenen Johannesburger Stadtteil Yeoville lebt, und als Autowächter auf einem Supermarktparkplatz arbeitet, mag dabei exemplarisch sein. Er wurde zwei Tage nach seiner Ankunft in Johannesburg direkt vor dem Eingang seiner Wohnung von „Tsotsis“, was in der südafrikanischen Umgangssprache Gangster bedeutet, überfallen und beraubt. Man nahm ihm nicht nur sein Mobiltelefon und sein Geld, sondern auch seine Asylbescheinigung weg. Er rät Touristen sich nach Einbruch der Dunkelheit nur an öffentlichen und belebten Plätzen aufzuhalten, oder im Hotel zu bleiben. Demgegenüber kann Fred, der seit 40 Jahren einen Friseursalon im „besseren“ Stadtteil Melville betreibt, auf Holz klopfend berichten, bislang noch kein einziges Mal Opfer eines kriminellen Aktes geworden zu sein. Er gibt Besuchern immer den Ratschlag, sich sofort zu informieren, in welche Gegenden man besser nicht fahren sollte, nur im Hellen Auto zu fahren, sowie seine Wertsachen nicht zur Schau zu stellen. Wenn man sich daran hielte, würde einem nichts passieren.
Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Südafrika sehr gefährlich sein kann, wenn man sich nicht an die Spielregeln hält. Allerdings kann man das Risiko auf ein mit Europa zu vergleichendes Maß minimieren. Hunderttausende besuchen Südafrika jedes Jahr und nur eine verschwindend geringe Zahl der Besucher kommt mit Kriminalität in Kontakt. Touristen leben während ihres Urlaubs in der Regel an Orten, die vor Kriminalität weitgehend geschützt sind. Statistisch das weitaus größte Risiko für Touristen stellen Taschendiebstähle und Schäden durch Kreditkartenbetrug, sowie Einbrüche in den Mietwagen dar. Diesen Delikten kann man auch überall in Europa zum Opfer fallen. Eine größere Gefahr für Besucher stellt der bisweilen chaotische Linksverkehr, sowie der während der WM herrschende, in einigen Regionen empfindlich kalte südafrikanische Winter dar. Schal und Mütze, natürlich in schwarz-rot-gold, gehören demnach genauso ins Reisegepäck wie Gefahrenbewusstsein und Vorsicht; Angst und Paranoia jedoch nicht!